DG & DG Das Geld und die Griechen – Τo Χρημα και οι Ελληνες

Alte Steine

In Thessaloniki wird ein U-Bahn gebaut. Die Straße ist auf mehreren hundert Metern aufgerissen. In der Tiefe arbeiten eine Hand voll Bauarbeiter mit gelben Helmen. Lärmiges Treiben, Bagger fahren hin und her. Einen Bau-Abschnitt weiter sind viel mehr – dutzende Männer – mit gelben Helmen am Werk. Dennoch geht es viel ruhiger zu. Vorsichtig, mit Pinseln, Besen und kleinen Schaufeln werden Scherben geborgen. Man ist auf antike Ruinen gestoßen, wie man überall in Griechenland auf die Antike zu stoßen scheint, wenn man an der Oberfläche kratzt.

Am Abend mit Bekannten eine hitzige Diskussion: “Ich liebe Archäologie”, sagt ein Freund. “Ich bin stolz auf die alten Griechen, sie sind Teil meiner Identität.”

“Welche Last”, wende ich ein, “wenn man immer wieder das Jetzt mit den Dingen vor 2500 Jahren abgleichen muss. Es hält auf. Man kann noch nicht mal eine neue U-Bahnlinie bauen.”

“Die Geschichte gibt uns Sicherheit, wir wissen wer wir sind”, sagt der Freund.

“Die Geschichte hält einen in der Vergangenheit fest, wenn man in die Zukunft gehen will”, entgegne ich.

Vor einigen Jahren hat eine kleine Gruppe von Studenten, mit denen ich damals studierte, eine der führenden Unis in den USA besucht. Ich habe vor 15 Jahren an einer sehr renomierten Kunsthochschule studiert, in einer besonderen Klasse. Wir waren eine der ersten in Deutschland, die sich ausschließlich mit computerbasiertem Design beschäftigten. Eine Gruppe von uns reiste damals in die USA, um unsere Arbeiten zu präsentieren. Der Direktor des Design-Departments eines renomierten Instituts, selbst ein weltberühmter Mann, plauderte vor oder nach der Veranstaltungen mit meinen Kommilitonen und stellte zu seinem Erstaunen fest, dass den deutschen Design-Studenten, die Namen der wichtigsten deutschen Designer und Typographen nicht vertraut waren. Das tat der Professor aus den USA kurze Zeit später in einem Interview kund. Er machte sich – ohne Namen zu nennen – über die Elite-Studenten aus Deutschland lustig. Wir wussten, dass wir gemeint waren. Auch bei meinen Aufenthalten an Universitäten in den USA habe ich festgestellt, dass die Studenten dort zum Teil mehr Wissen über deutsches Design hatten, als ich selbst. Mehr noch, sie waren mehr vertraut mit den Arbeiten meines Professors als ich, der ich doch bei ihm studierte. Mein Professor sprach in unserer Klasse über Design und Kunst, er sprach nicht über seine Arbeiten.

Ich habe mir das so erklärt: In Europa ist man ständig mit Kunst und Design aus allen Epochen umgeben. Es mag inspirierend sein, sich als Student in den USA, mit tausenden Kilometern Abstand, damit zu beschäftigen, aber als Student in Europa, wenn man seine eigenen kleinen Ideen und Arbeiten bastelt, wenn man sich zu sehr vergleicht, mit den großen Errungenschaften der Kunstgeschichte, wie soll man sich auf den nächsten winzigen Schritt konzentrieren, ohne derart verunsichert zu sein, dass man ständig über die eigenen Füße stolpert?

Man kann in Europa die Vergangenheit gar nicht vergessen. Sie ist sowieso da. Man kann nur versuchen, nicht ständig über sie nachzudenken.

2 Kommentare zu Alte Steine

  1. mhohl sagt:

    Bin mir nicht sicher ob ich da mit Dir im Bezug auf Design da übereinstimme. Man ist umgeben von Geschichte und nimmt sie fuer selbstverstaendlich. Doch trotzdessen sie immer gegenwaertig bedeutet das nicht das man sie auch kennt, ausser man hat sich wirklich damit auseinandergesetzt. Ich habe zehn Jahre in Berlin gelebt und ‘kannte’ alles weil ich Architektenfreunde hatte die mich auf Touren mitgenommen haben. Das war aber oberflächlich. Nachdem ich mich fuer eine Arbeit intensiver mit Geschichte & Stadtplanung auseinandersetzen musste aenderte das sich aber nochmal um eine Dimension und bekam eine neue Bedeutung.
    Die Geschichte(n) (Makro: Europa und Mikro: Design) sollte man kennen da man sonst dazu verurteilt ist die gleichen Aktionen/Fehler zu wiederholen. Aus meiner Sicht bedeutet das einfach das der Kurs zu praxisorientiert war und zu wenig Angebot hatte was Geschichte & Theorie betrifft. Klar ist das peinlich wenn man die Fussstapfen nicht kennt in denen man sich bewegt. Auf der einen Seite kann das laehmend sein – aber auf der anderen Seite ist es unvermeidbar wenn man das Rad nicht immer neu erfinden will.

    • Du hast natürlich recht, die Geschichte sollte man kennen. Aber wenn man sie zu gut kennt und sie sich immer wieder vorsingt, läuft man Gefahr in ihr gefangen zu sein. Und “die Geschichte” ist eben auch nichts anderes als das: eine Geschichte, die man sich erzählt. Es ist nicht wichtig wie “wahr” sie ist, ihre Kraft bekommt sie dadurch wie sehr man an sie glaubt.

      Das Rad kann muß man nicht neu erfinden, es ist da, es ist allseits bekannt. Jeder kennt es. Dazu bedarf es keiner besonderen Bildung. Und jeder kann es nutzen. Wer Bücher liest, dessen eigene Gedanken werden vorzugsweise auf den Wegen der gelesenen Sätze gehen. Es ist sehr schwer, sich einem überzeugenden Argument zu entziehen. Und oftmals behindert überzeugende Argumentation den Blick auf die Realität eher als sie Klarheit schaffen.

      Ich will natürlich nicht sagen, dass man aufhören sollte, Bücher zu lesen oder sich mit Geschichte zu beschäftigen. Aber man sollte aber in der Lage sein, die Geschichte, die Bücher als Möglichkeit, als Meinung, als Inspiration zu verstehen. Und in der Lage sein, die gemachten Erfindungen einfach beiseite zu legen und eigene Wege zu gehen. Und das, so scheint mir, fällt nicht nur vielen jungen Griechen schwer.


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Eine Koproduktion des Goethe-Instituts Athen mit dem Korsakow-Institut.